Leben am Puls

Thema des Moduls «Kontext» im Frühlingssemester ist das Wohnen. Die Intermediate Studierenden des Bachelorstudiengangs erarbeiten in Sechsergruppen zuerst Szenarien für die zukunftsfähige Transformation eines Quartiers. Anschliessend entwickeln sie in einer Zweiergruppe einen konkreten Entwurf. In diesem Beitrag wird das Projekt «Leben am Puls» im Würzenbach Quartier von Tom Kreyenbühl und Matteo Süess präsentiert.

Aufbau des Semesters

Zum Start des Projektmoduls arbeiten die Studierenden in Gruppen à sechs Personen. Sie setzen sich vertieft mit einem ausgewählten Quartier auseinander, um dessen räumliche, soziale und ökologische Strukturen aus unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen und interpretativ zu erfassen. Auf Basis ihrer Recherchen, Analysen und Beobachtungen entwickeln die Gruppen Szenarien für die zukunftsfähige Transformation ihres Quartiers. Diese entstehen aus einer präzisen Diagnose der bestehenden Situation und aus einer individuellen These zur möglichen Entwicklung des Quartiers.

Auf Basis dieser Szenarien entwickeln die Studierenden anschliessend in Zweier-Teams konkrete räumliche Strategien und Interventionen für «ihre» Quartiere. Die Szenarien werden in räumliche und programmatische Entwürfe übersetzt, die die in den Szenarien dargestellten Transformationsprozesse testen, weiterdenken und räumlich erfahrbar machen. Integraler Bestandteil des Entwurfsprozesses ist auch die Freiraumplanung. Die Studierenden entwickeln räumliche Ideen fürs Quartierklima, die Biodiversität sowie die ökologische und soziale Resilienz.

Analyse, Szenario, Strategie und räumliche Intervention werden aufeinander bezogen und zu einer kohärenten Gesamterzählung weiterentwickelt. Ziel ist es, die in den 6er-Gruppen formulierten Szenarien und Thesen in den Projekten der Zweier-Teams räumlich zu konkretisieren, kritisch zu prüfen und im Hinblick auf ihre innere Logik und Überzeugungskraft zu schärfen. Die vorgeschlagenen Interventionen der Zweier-Teams machen die angestrebte Transformation sicht- und erfahrbar. Entscheidend ist, ob die Projekte die im Szenario angelegten Ideen präzisieren, erweitern oder hinterfragen und damit einen eigenständigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Quartiers leisten.

Multi-nodales Szenario

Konzeptbeschrieb

Das Luzerner Quartier Würzenbach wächst. Seit 2010 hat der Kreis über 560 Personen dazugewonnen, die Dichte steigt auf 42 Personen pro Hektar, der Ausländeranteil hat sich auf 32% erhöht, der Kinderanteil nimmt kontinuierlich zu. Das Quartier verdichtet sich, bleibt jedoch eingeschlossen. Zwei harte Infrastrukturbarrieren prägen den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner: die stark befahrene Kantonsstrasse und der Bahndamm trennen Norden und Süden und schneiden Würzenbach seit Jahrzehnten vom Vierwaldstättersee ab. Das Projekt von Tom Kreyenbühl und Matteo Süess kehrt diese Logik um. Der Bahndamm war Grenze und wird zur Mitte. Durch das Aufbrechen dieser Schwelle entsteht kein neues Randgebiet, sondern ein neues Polyzentrum. Ein durchlässiger Ort, der Würzenbach, den Verkehrsknoten und den See in einer räumlichen Bewegung zusammenschliesst. Wohnen am Puls ist dabei keine Ausnahme, sondern Programm. Das Projekt bejaht bewusst die Nähe zur Bahninfrastruktur als urbane Qualität und nicht als Kompromiss. Wo andere Projekte Distanz suchen, formuliert dieses Nähe: zum Zug, zum Bus, zur Stadt, zum See. Das Wachstum des Quartiers verlangt nach mehr als zusätzlichen Wohnungen. Es verlangt nach Vielfalt in der Nutzung, im Wohntypus und in der Gemeinschaft. Familienwohnungen mit Laubengang-Zugang, Clusterwohnungen, Atelierwohnen: das Programm antwortet direkt auf eine Bewohnerschaft, die internationaler, jünger und gleichzeitig älter wird. Das Eisfeld, das Würzenbach einst prägte und in der kollektiven Erinnerung des Quartiers lebendig geblieben ist, kehrt zurück. Identität wird nicht abgerissen, sondern weitergebaut.

Tom Kreyenbühl und Matteo Süess erklären ihr Projekt

Projektbeschrieb «Leben am Puls»

Der aufgebrochene Bahndamm ist nicht nur Eingriff, er ist Versprechen. Würzenbach erhält eine Verbindung zum See, ein neues Zentrum und ein Quartier, das den Puls der Infrastruktur nicht dämpft, sondern bewohnt.
Rund 264 Personen werden hier wohnen, direkt neben dem Gleis, mit dem Bus vor der Tür und dem Lido in Gehdistanz.
Verkehr und Erdgeschoss.
Der bestehende Busverkehr wird gebündelt und mit der leicht verschobenen Zughaltestelle zum neuen «Verkehrshaus Würzenbach» zusammengeführt. Ein Verkehrsknoten auf zwei Ebenen mit dem Autoverkehr auf Strassenniveau und dem Zugverkehr erhöht auf dem Bahndamm. Die Tankstelle auf der gegenüberliegenden Bahnseite weicht und gibt Raum frei für neuen Wohn- und Arbeitsraum sowie für eine Passerelle, die die Kantonsstrasse überquert und eine sichere Fussgängerverbindung schafft. Für den Fuss- und Veloverkehr entstehen vom motorisierten Individualverkehr vollständig getrennte Achsen sowie zwei gedeckte Veloabstellanlagen unter dem Bahndamm.

Schnitt Pilatusallee

Bahndamm und öffentlicher Raum
Die ursprünglich 3000 m² grosse Sporthalle wird aufgeteilt: eine Halle weicht für den neuen Busbahnhof, die verbleibende Halle von 1250 m² erhält ein neues Programm. Ein Café, zwei bis drei Schulräume mit Erweiterungsmöglichkeit im Obergeschoss sowie ein gedeckter Hartplatz für Basketball und Fussball beleben den Ort. Im Winter kehrt das Eisfeld zurück.
Unter der Brücke entsteht ein urbaner Aufenthaltsort mit Boulderwand und Bocciabahn. Angrenzend eine Aneignungswiese mit südorientierter Treppe zum Verweilen sowie ein Spielplatz direkt neben den Brückenstützen.

Wohnen und Arbeiten.
Das neue Wohnquartier ist autofrei. Auf rund 9240m² Wohnnutzfläche entstehen Familienwohnungen mit Laubengang-Zugang, Clusterwohnungen sowie fünf Atelierwohnungen an der öffentlichen Hauptachse. Das höchste Gebäude mit sieben Geschossen und begrünter Dachterrasse bildet das Herzstück des Areals. Die Gebäudehöhen staffeln sich zwischen drei und sieben Geschossen. Die Dachlandschaft ist bewusst divers:
ein Dachgarten auf dem dreigeschossigen Baukörper mit erhöhtem Nordwohnungsteil, Sheddächer für optimalen Lichteinfall in Attika-Wohnungen. Auf rund 3140 m² Arbeitsfläche sind Gewerbenutzungen ausschliesslich zur Kantonsstrasse hin angesiedelt, als programmatischer und akustischer Puffer zwischen dem stark befahrenen Strassenraum und dem Wohnquartier. Ergänzt wird das Programm durch Waschsalon, Werkstatt und Veloraum sowie einen Mehrzweckraum.

Lärmstrategie
Die Zugfrequenz am Haltepunkt Würzenbach beträgt vier Züge pro Stunde, die sich an der Haltestelle kreuzen. Direktes Wohnen am Gleis ist unter dieser Bedingung möglich. Entscheidend ist die Orientierung der Grundrisse. Wohnräume sind zum Hinterhof oder seitlich ausgerichtet, Schlafzimmer erhalten kleinere Öffnungen zur Gleisseite. Die Laubengangsgebäude sind so konzipiert, dass das Wohnen zum Laubengang in den Hinterhof orientiert. Gewerbe und Arbeit übernehmen ausschliesslich die lärmexponierten Lagen an der Kantonsstrasse.

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